1Heart

Sieht aus wie Knopf, ja?

Ich habe ein Herz für Wimmelbildspiele, so sehr, dass ich ihnen sogar ein eigenes Rezensionsblog gewidmet habe. Ich mag Spiele, in denen es mich gruselt. Und ich bin immer zu haben für Indie-Spiele, die es wagen, optisch von der Norm abzuweichen, die ein bisschen schräg sind, ein bisschen artsy. 1Heart, das der Zufallsgenerator heute für mich ausgewählt hat, vereint all diese Eigenschaften in sich – und doch habe ich mich nicht wirklich dafür begeistern können. L’art pour l’art ist schön genug, aber dann müssen auch die Details stimmen – und wenn man eine schaurige Geschichte erzählen möchte, helfen die unheimlichsten Graphiken nicht, wenn dafür die unfreiwillig komische Grammatik allen Gruseleffekt zunichte macht.

Offiziell handelt es sich bei 1Heart um ein Point and Click-Adventure, aber alle Mechnismen sind die eines Wimmelbildadventures – man nimmt Gegenstände auf und benutzt sie entweder miteinander oder irgendwo im Bild, andere Mausfunktionen gibt es nicht, und die Spielfigur ist nicht im Bild, Egoperspektive sozusagen. Auch Wimmelbildtypisch ist, dass man in den Szenen insgesamt 18 versteckte Herzen finden muss. Gänzlich wimmelbilduntypisch ist hingegen die Graphik, die – absichtlich natürlich – daherkommt wie hingekrakelt, wie mit dem Messer in die Welt geritzt, und die nicht darauf ausgelegt ist, dass man die Dinge klar erkennen und um so leichter finden kann. Mich schreckt sowas nicht, ich bin erfahren in solchen Dingen und freue mich über eine Herausforderung – und nach dem Thief-Erlebnis von gestern freue ich mich auf ein Spiel, das eher meinen Talenten entspricht.

Gruselige Teddybären. Endlich mal was anderes als Puppen.

Eine sonore Stimme aus dem Off begleitet uns durch die Geschichte zweier kleiner Mädchen, die, von den in Urlaub gefahrenen Eltern unerklärlicherweise allein gelassen, Geschenke auf der Türschwelle finden und dann von dem darin enthaltenen Spielzeug (ein Teddybär und ein Roboter) angegriffen/überwältigt/entführt werden. Man findet sich also in der Rolle des einen Mädchens in einem unheimlichen Wald wieder und sucht seine Schwester. Auch das: ziemlich abgedroschen, wenn man ein paar Wimmelbildadventures gespielt hat, da werden dauernd irgendwelche Anverwandten verschleppt. Was den Plot angeht, scheint sich 1Heart nicht entsetzlich viel Mühe gegeben zu haben, es reiht Versatzstücke an Versatzstücke und hofft, das mit der ausgefallenen Graphik rauszureißen. Aber der lieblose Eindruck bleibt, und je weiter das Spiel voranschreitet, verstärkt er sich.

Chicken in the Corn sind eine Indie-Firma aus Polen, und das merkt man – an den Grammatikfehlern. Auch ein kleines Budget ist keine Entschuldigung dafür, nicht zumindest einmal einen Muttersprachler über die Texte schauen zu lassen, irgendeinen Kumpel im UK oder den USA wird sich schon auftreiben lassen, der darauf hinweisen kann, dass im Englischen der Gebrauch von Artikeln üblich ist und man nicht einfach sagt »This looks like button«, »This is crate« – immerhin soll das Endergebnis verkauft werden und den Entwicklern Geld einbringen, und mit einem Preis von 9,99 EUR liegt das Spiel deutlich über dem Üblichem im Wimmelbildsegment. Will man da seinen Spielern das Gefühl geben, dass einem die Qualität des Spiels Wurst ist? Natürlich, als Schriftstellerin bin ich ein Tintenpisser, wo es um Sprache geht. Die zahlreichen Zeichensetzungsfehler könnte ich noch verschmerzen. Und auch, dass manche Gegenstände falsch bezeichnet sind und ein Seitenschneider als Zange präsentiert wird, von mir aus auch. Aber Grammatikfehler, die man nach einem Schuljahr Englisch schon nicht mehr machen sollte? Ohne mich.

Warum trägt dieses Schaf rosa Pantoffeln?

Auch andere Sachen nerven zusehends. Dass das Spiel einen Hinweis anbietet, wenn man nicht mehr weiterweis – noch so ein Wimmelbildaspekt – ist schön und gut. Dass der aussieht wie ein pochendes Herz, passt zum Herzchenthema des Spiels. Aber dass dann ein permanentes Herzschlaggeräusch aus den Boxen pocht – das ist nicht atmosphärisch, das ist nur lästig. Auch die Zurechtweisung, wenn man etwas miteinander benutzen möchte, das nicht dafür gedacht ist, und mit einem »Have you gone mad?« angefahren wird, als hätte man gerade nicht versucht, mit einer Zange (oder dem, was man für eine Zange hält) eine zugenagelte Kiste zu öffnen. Okay, es klappt nicht – aber das kann man auch anders sagen. Das Spiel soll mich gruseln, nicht hysterisch angeschossen kommen wie eine unerfahrene Babysitterin.

All sowas kann ich noch verschmerzen, wenn ich dafür knackige Rätsel und Minispiele bekomme. Die hat 1Heart durchaus – allerdings sind sie viel zu rar gesäht, und das, was es gibt, ist alles nicht neu. In den eineinviertel Stunden, die ich gespielt habe, hatte ich ein anspruchsloses Wimmelbild, ein Dreh-die-Ringe-Puzzle, einmal Mustererkennung und ein Drück-die-Knöpfe-in-der-richten-Reihe, und ansonsten viel sinnloses Hin-und-Her-Laufen, weil es irgendwie nicht viel zu tun gibt, wenn man genau eine Sache übersehen hat. Ich habe verschiedene Hinweise gefunden und abgeschrieben, ein In-Game-Tagebuch gibt es nicht, aber wenigstens eine Karte, über die man sich zu den verschiedenen freigespielten Orten bewegen kann. Aber das Gefühl, dass dem Spiel etwas fehlt, ist einfach zu präsent. Ich bin wohlwollend in das Spiel gestartet, aber es will mich einfach nicht berühren und erst recht nicht gruseln.

Wer alles auf die Artsy-Karte setzt und an allen anderen Ecken spart, kann nicht gewinnen – jedenfalls nicht mein Herz.

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