Autumn Dream

Me English nicht verstehen

Ich lerne seit einem halben Jahr Russisch. Das heißt, ich habe das erste Volkshochschulsemester hinter mir. Mit einem halben Jahr Russisch kommt man noch nicht weit, aber ich suche immer nach Möglichkeiten zum Üben, und ich hatte die großartige Idee, das mit Computerspielen zu tun. Schließlich kommen viele tolle – oder weniger tolle – Spiele aus Russland, Wimmelbildspiele zum Beispiel, und wenn ich die auf Steam dann so einstelle, dass ich sie im Original spielen kann, lerne ich meine Vokabald auf spielerische Weise. Zumindest in der Theorie. Ich habe es versucht mit dem Spiel Dance of Death, und es war ein Flop. Das Spiel ist so unglaublich schlecht, die einzige Sprachausgabe grammatikalisch falsches Englisch mit russischem Akzent, die grobkörnige Schrift nicht zu entziffern, die Graphik unattraktiv, dass ich den Versuch schnell wieder aufgegeben habe. Dafür konnte ich jetzt mit einem ganz anderen Spiel meine Fremdsprachenfähigkeit verbessern.

Autumn Dream nennt sich der Titel des Indie-Spieleentwicklers GDNomad, von dem auf eine ganze Reihe billigster Horrorspiele mit niederschmetternden Bewerungen zu finden sind. Ich habe alle, schließlich hat mich keine von ihnen mehr als 50 Cent gekostet, und für 50 Cent schreibe ich auch gern einen lustigen Verriss. Autumn Dream belegte schon seit längerem ein gutes Gigabyte auf meiner Festplatte, und weil die natürlich mal wieder viel zu klein ist und ich den Rezensionen entnommen habe, dass das Spiel in weniger als einer Stunde durch ist, klang das wie schnell verdienter Festplattenplatz. Und egal wie schlecht das Spiel ist: ein Stünchen werde ich schon durchhalten. Also Autumn Dream gestartet und gefreut: Schon das Startmenu ist zweisprachig gehalten. Rechts Russisch, links Englisch: Zeit zum Vokabellernen!

Entschuldigen Sie bitte! Können Sie mir sagen, wo die Toilette ist?

Tatsächlich ist, bis auf den Titel, der klingt wie aus einem Zufallsgenerator und der nichts mit dem Inhalt des Spiels zu tun hat, alles in Autum Dream zweisprachig. Kommentare wie »Ich bin müde« oder »Ich brauche einen Schlüssel« werden oben auf englisch, unten auf russisch eingeblendet, leider zu kurz, um die noch recht fremden kyrillischen Buchstaben komplett zu entziffern, geschweige denn die Vokabeln zu lernen. Aber die Briefe, die man unterwegs findet, kann man sich so lange anschauen wie man mag und ich freue mich, wenn ich einzelne Wörter erkenne: тётя, die Tante, zum Beispiel. Oder дом, das Haus. Ich kann auch erkennen, dass der russische Text oft noch ein, zwei Sätze über den englischen Text hinausgeht. Nur was dann da steht, außer Haus und Tante, so weit bin ich noch nicht. Die Qualität des Englischen klingt auf jedenfall, als hätte GDNomad auch nur maximal die ersten zwei Volkshochschulsemester durchgehalten.

Aber es reicht, damit sich die Handlung erschließt. Denn natürlich: Das Spiel hat auch eine Handlung. Ich habe also ein Haus geerbt von einer Tante, von der ich nur die Initialen erfahre. Ich darf es behalten, wenn ich eine Woche darin lebe. Voraussetzung: Nicht den Keller betreten und nicht bei Nacht vor die Tür gehen. Eine Woche? Das halte ich druch. Ich tue, was man mir sagt. Egal, was ich draußen sehe oder höre, egal was im Keller rumpeln mag: Diese Woche ziehe ich durch. Bloß, das Spiel lässt mich nicht. Ich kann noch nicht mal das Grundstück erkunden – ein serh kleiner Garten, der aus unerfindlichen Gründen ein Karussel hat, weil warum nicht, Plumpsklo und ein Holzhaus, dessen Obergeschoss nur über eine Außentreppe erreichbar ist – da fängt meine Spielfigur schon an zu nölen, dass sie Hunger hat. Im Erdgeschoss habe ich zwei Räume: Wohnzimmer mit Kamin und Küche mit leeren Schränken. Jetzt mault die Figur auch noch, dass sie nicht nur müde ist, sondern auch hungrig. Und ich habe zwar ein prasselndes Feuer, aber weder Bett noch Essen.

Jumpscares sind so 2017!

Ich bleibe standhaft. Draußen ist es zwar noch hell, aber das Obergeschoss weigert sich mein namenloser Erbe zu betreten, und in den Keller – die Tür dafür ist ebenfalls draußen – gehe ich nicht, ist ja verboten. Also bleibe ich im Haus und warte. Und natürlich passiert: nichts. Weder wird es draußen dunkel, noch kommen Geräusche aus dem Keller. Ich könnte jetzt eine Spielwoche in Echtzeit damit verbringen, den Kamin anzustarren, und dann mein Haus einklagen. Aber ehrlich, so toll ist das Haus nicht. Und vielleicht finde ich im Keller etwas zu essen. So gehe ich wieder in den Garten, nehme den inzwischen gefundenen Kellerschlüssel und öffne die Falltür. Unten brennt Licht, dort ist eine Speisekammer voller Schachteln und Dosen – und eine einzelne Banane. Sie sieht frisch aus. Ich nehme sie. Dann verlasse ich den Keller auf dem schnellsten Weg wieder. Hat ja niemand gemerkt. Und jetzt kann ich auch endlich das Obergeschoss betreten. Dort steht ein Bett. Ich klicke es an, und das Bild wird dunkel.

Ich werde davon wach, dass etwas an der Tür klingelt. Draußen ist es dunkel, und ich darf im Dunkeln das Haus nicht verlassen, aber um zur Tür zu kommen – oder überhaupt aus dem Schlafzimmer raus – gibt es nur die Außentreppe. Also warte ich wieder. Es klingelt Sturm. Aus dem Fenster sehe ich das Unheimlichste Überhaupt: Im Garten steht ein Fass. Mit einem Cowboyhut. Und einem Smileygesicht. Ich denk mir das nicht aus. Ich habe den Screenshot, um es zu beweisen. Jumpscares waren gestern! Und natürlich habe ich keine Wahl, als das Haus zu verlassen und nachzusehen. An der Tür ist niemand. Im Garten finde ich nur daS Cowboyfass. Auch das Plumpsklo ist leer. Nur im Keller brennt natürlich Licht. Treppe runter. Die Speisekammer ist verlassen. Aber da geht eine weitere Treppe tiefer nach unten. Ich betrete sie. Es wird schwarz um mich.

Wenigstens hängt ein Kreuz an der Wand. Hier bin ich in Sicherheit.

Und schon finde ich mich in einem verlassenen Krankenhaus wieder. Jemand hat mir eins übergebraten und mich dort abgelegt. Ich irre über den Gang und sehe vor mir eine Person, die aus einem Zimmer rechts kommt und in einem links verschwindet. Hinterher. Dem werd ich was husten, mich aus dem Bett zu klingeln! Oder war das vielleicht seine Banane? Wenn, hätte sie ihm nicht viel genutzt. Er trägt eine Zwangsjacke, so kann man nicht essen. Und sein Unterkiefer scheint zu fehlen. Aber er steht so ruhig da, lässt mich ihn von allen Seiten betrachten, ohne mir etwas zu tun. Ich sammle meinen Mut und mein bestes Russisch. »Извините, пожалуйста«, sage ich. »Вы не знаете где туалет?« Aber ich bekomme keine Antwort. Ich muss allein weitersuchen.

Bis auf zwei Mutanten und ein paar Leichen in verschiedenen Erhaltungsstadien ist die Klinik verlassen. Ich finde ein paar Briefe, die von Menschenversuchen berichten und einem mutierten Virus. Der Name des Projekts, Verge, kommt mir bekannt vor: Ein weiteres GDNomad-Game trägt den Titel Verge: The lost chapter. Handelt es sich um einen raffiniert verschachtelten Mehrteiler? Ist Autumn Dream vielleicht nur ein Sequel? Ich erfahre es nicht, ebensowenig, was das Projekt Verge überhaupt sein soll. Die Briefe sind knapp und wenige. Jemand möchte fliehen, solange die Bewacher fernsehen, und ich freue mich. Ich erkenne die Vokabel für »Fernsehen schauen«. Ich finde auch den Fernseher. Er ist kaputt. Ich kann ihn nicht mitnehmen. Aber ich finde eine Schlüsselkarte, den Zugangscode für das Security-Raum, und öffne die nächste Tür. Doch kein Ausgang. Nur noch ein Klinikflur.

Was liegt da auf dem Bett? Ob die Batterien noch geladen sind?

Ich treffe den nächsten Mutanten. Dieser tötet mich. Oder so. Er bewegt die Arme, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Ich kann mich nicht bewegen. Das Bild wird schwarz. Ich bin wieder am Krankenhausbett, wo ich vorhin aufgewacht bin. Bin ich zurück zum letzten Autosafe? Ich werde es nicht erfahren. Ich kann mich umschauen, aber nicht bewegen. Neu laden kann ich auch nicht. Ich muss das Spiel im Taskmanager abschießen und neu starten. Zum Glück hatte ich an der letzten Tür gespeichert. Diesmal renne ich direkt am Mutanten vorbei zum Ausgang, und lebe. Treppe hoch. Noch ein Krankenhausflur. Ich schaue mich um, löse zwei sehr einfache Rätsel, und als auf dem Bildschirm das Wort »Run!« erscheint, renne ich. Ich tue, was man mir sagt. Und ich wäre auch nicht in den Keller gegangen, ehrlich! Treppe rauf, noch eine Treppe rausf – und ich stehe wieder im Keller meines Hauses neben der Speisekammer.

Als ich den Keller verlassen will, friert das Bild ein. Text informiert mich, dass das Militär im Hof auf mich wartet und mich ins Krankenaus bringt, wo man mir erste Hilfe leistet. Man fragt mich nach Papieren aus dem Labor, aber ich habe nichts gefunden. Ich bin verwirrt. Habe ich etwas übersehen? Welche Papiere? Welches Labor? Hätte das Spiel ein alternatives Ende, wenn ich irgendwo eine Tür geöffnet hätte, die ich für Textur gehalten habe? Das Spiel kann sich nie entscheiden, ob ich mit links oder mit rechts klicken soll. Wenn ich das Entscheidende übersehen habe? Ich ärgere mich. Aber nicht genug, um das Spiel nochmal neu zu starten. Immerhin bin ich lebendig der Hölle entkommen. Und das blöde Haus will ich auch gar nicht mehr haben.

Und jetzt stehe ich da und frage mich: Was zur Hölle war das? Ich habe alles in allem 48 Minuten gebraucht, um Auturm Dream zu beendet – einschließlich Zeit, die ich damit verbracht habe, auf den Kamin zu starrren, und einem Absturz. Ich versuche, den Plot zu verstehen. Wer ist diese Tante? Wer hat dem Fass einen Cowboyhut aufgesetzt? Wem geöhrt die Banane? Vor allem aber: Was soll ich eine Woche in diesem Haus machen? An dem Verbot, nachts den Garten zu betreten, ist nichts dran: Im Garten ist ja nichts, und in den Keller hätte ich soweiso nicht gedurft. Und wenn ich die Woche durchgehalten hätte und man mir das Haus überschrieben hätte: Spätestens dann hätte ich die Klinik im Keller doch gefunden. Ich kannte die Tante nicht mal, es ist nicht so, dass ich händeringend auf mein Erbe gelauert hätte. Wenn ihr nicht wollt, dass Projekt Verge auffliegt, planiert die Hütte und giest Zement ins Unterhgeschoss. Und überhaupt – was wollte das Militär in meinem Garten? Vielleicht mit dem kleinen Karussell fahren?

Vielen Dank, Abspann! Mit einer Videosequenz hätte ich nie so viele neue Vokabeln gelernt!

Gute Güte, ist das ein schlechtes Spiel! Nichts, wirklich nichts daran ist positiv. Es ist kurz. Die Graphiken sind schlecht. Die Monster sind lachhaft. Noch nicht mal ich habe mich gegruselt, und ich grusele mich schnell. Die Handlung ist nonexistent. Die Übersetzung ist grottig. 50 Cent sind noch zu viel für so einen Schrott. Und ich kann nicht erwarten, als nächstes Verge: The Lost Chapter zu spielen. Vielleicht kann ich mir dann endlich merken, was »Ich habe Hunger« auf Russisch heißt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.