bookmark_borderThe Automatician

Gobble Gobble

Ein Spiel, bei dem man durch ein altes, von seltsamen Puppenwesen bewohntes Herrenhaus läuft und Rätsel löst? Höre ich meinen Namen? Tatsächlich klingt The Automatician, als wäre es direkt für mich gemacht, und offenbar nur für mich, denn trotz der wirklich vielversprechenden Screenshots und einem Preis deutlich unter zehn Euros scheint kaum jemand auf Steam dieses Spiel zu besitzen. Es gibt nicht genug Rezensionen, um auch nur einen Durchschnittswert anzuzeigen, und das angeschlossene Diskussionsforum, wie Steam es für jedes Spiel bereitstellt, kommt über sechs Themen mit maximal zwei Beiträgen nicht hinaus. Ein Grund mehr, diesem offenbar völlig unbekannten Spiel jetzt eine Rezension zu widman – auch wenn sie am Ende nicht ganz so positiv ausfällt, wie ich mir das gewünscht hätte. Denn dieses nur-für-mich-gemachte Spiel hat leider unterm Strich mehr Mängel als Kaufargumente.

Optisch macht The Automatician erstmal alles richtig. Das Herrenhaus, in dessen Foyer man sich bei jedem Neustart wiederfindet, ist opulent, schön, prachtvoll – nicht gruselig, keinen Augenblick lang, aber das hat mir das Spiel auch nie versprochen, aber es bietet wirklich was fürs Auge. Wären nicht die Whodos, könnte man doch anfangen zu glauben, im endlosersten gruseligen Walkingsimulator gelandet zu sein, aber da stehen sie herum, an jeder Ecke, mindestens drei pro Raum: optisch eine Kreuzung zwischen Voodopuppe und Kürbislaterne, niedlich anzusehen, und wenn man sie anspricht, machen sie ein Geräusch, das wie »Gobble Gobble« klingt, während am unteren Bildrand der Dialog eingeblendet wird.… Weiterlesen “The Automatician”

bookmark_borderCaligo

Rumsteh-Simulator 1.0

Im richtigen Leben habe ich es nicht so mit Spaziergängen. Ohne Gewaltandrohung bekommt man mich nicht vor die Haustür. Und warum auch? Wenn ich ein bisschen spazierengehen will, gibt es schließlich Walking-Simulatoren. Und dass ich dieses von vielen als stinklangweilig verachtete Spielegenre sehr gern habe, sollte inzwischen kein Geheimnis mehr sein. Dabei gibt es Abstufungen: In manchen dieser Spiele kann man zumindest ein bisschen mit der Umwelt interagieren, läuft nicht nur von A nach B, sondern trägt dabei Informationen zusammen, die einem üblicherweise die Geschichte erzählen, warum da, wo man gerade herumläuft, ansonsten kein Mensch mehr zu finden ist. In anderen läuft man nur herum, während eine Stimme aus dem Off etwas erzählt. Und in wieder anderen muss man richtiggehend arbeiten, während man sich möglichst frei in einer bezaubernd gestalteten Welt bewegen und umschauen kann.

Ich schätze insbesondere solche Walking-Simulatoren, die mich eine Welt erleben lassen, die es so draußen vor der Tür nicht geben kann. Ein Simulator für einen Waldspaziergang, und mag es noch so realistisch gestaltet sein, reizt mich nicht – ehrlich, da kann ich auch meine Schuhe anziehen und in einen richtigen Wald gehen. Aber eine surrealistische Traumwelt bei vollem Bewusstsein erleben können – sowas mag ich. Dann brauche ich auch keine große Handlung und keine interaktiven Elemente: Auch wenn dann nicht mehr viel von dem übrig bleibt, was ein Spiel zum Spiel macht, und man es stattdessen mehr mit einem dreidimensionalen Gemälde zu tun hat, finde ich das toll.… Weiterlesen “Caligo”

bookmark_borderThe Emptiness

Alle alle!

Je dicker ein Spiel aufträgt, desto geringer wird mein Interesse, es zu spielen – bis das Ganze kippt und ich Lust bekomme, es mir vorzunehmen, nur es dann in Grund und Boden verreißen zu können. Bei The Emptiness kamen Superlative auf beiden Seiten zusammen: Auf der einen Seite die die Macher des Spiels, die nicht müde werden zu betonen, dass ihr Game so über alle Maßen erschütternd ist, dass man es mit Herzproblemen oder einer psychischen Störung nicht spielen darf – und auf der anderen Seite Nutzerkritiken, die an dem Spiel kein gutes Haar lassen. Nur ein Drittel aller Steam-Rezensenten können der spielgewordenen Leere etwas Positives abgewinnen, und für knapp zehn Euro hätte ich es mir sicher nicht gekauft, aber nachdem ich es jetzt aus einem Bundle gezogen habe und nach meinem Holy Potatoes-Exzess wieder etwas schnell durchzuspielendes suchte, habe ich es mir jetzt vorgenommen, motiviert von der Aussicht auf einen knackigen Verriss.

Aber was soll ich sagen? So schlecht ist das Spiel gar nicht. Es ist, kein Zweifel, technisch Schrott. Es hat sehr, sehr, sehr viele Mängel. Es macht über weite Strecken keinen Spaß. Aber es hat seine Momente, und es hat es geschafft, mich zu gruseln. Und käme es nicht mit diesen völlig überzogenen Warnhinweisen an – so wie die Horrorfilme aus den 50ern, die erklärten, zu entsetzlich für ein zartbesaitetes weibliches Publikum zu sein, und mit ihren Pappmacheemonstern schon damals niemandem Angst eingejagt haben – könnte es das nette, kleine Spiel sein, das es ist.… Weiterlesen “The Emptiness”

bookmark_borderHoly Potatoes! A Weapon Shop?!

Alles Tolle aus der Knolle

Als Autor kann man sich jeden Scheiß erlauben, aber nur, wenn man für Computerspiele schreibt. Komme ich mit der Idee eines Romans, in dem eine anthropomorphe Kartoffel die Waffenschmiede ihres Großvaters erbt, rufen Leser, Verlage und meine Agentin unisono »Was hast du geraucht?«. Bei Computerspielen hingegen heißt es dann »Was hast du geraucht? Geiler Scheiß! Das machen wir!«. Und obwohl ich die Idee sprechender Kartoffeln nicht sonderlich witzig finde, mit Simulationen und Zeit-Management-Spielen wenig anfangen kann und das Spiel auf Steam bereit als »Interessiert mich nicht« weggeklickt hatte, stehe ich nun, Bundle sei Dank, mit Holy Potatoes! A Weapon Shop? da – und mit dreißig Stunden Spielzeit, sämtlichen verfügbaren Achievements und beendeter Kampagne plus Add-On. Irgendwas muss an diesen Kartoffeln also doch dran sein.

Eigentlich mag ich Zeitmanagement-Spiele sogar ganz gerne. Sie neigen nur dazu, mich völlig zu stressen, bis ich die Lust verliere. Ich komme beruflich aus dem Einzelhandel, unter anderem. Will ich dann auch in meiner Freizeit hinter nörgelndem Kunden herhetzen, die motzend den Laden verlassen, wenn es ihnen nicht schnell genug geht? Bei den meisten solchen Spielen ist der erste Akt noch gut zu schaffen, danach ziehen Tempo und Schwierigkeit so an, dass ich den Spaß verliere, und als ich Holy Potatoes!… Weiterlesen “Holy Potatoes! A Weapon Shop?!”

bookmark_borderThe Turing Test

Mensch, Maschine, Kohlkopf

Nach den letzten Spielen, die ich hier rezensiert habe, könnte man meinen, das einzige Genre, in dem ich mich wohlfühle, sind mehr oder weniger gruselige Walking Simulatoren, in denen man nicht viel zu tun hat, außer durch die Gegend zu laufen und ab und zu mal irgendwas relevantes anzuklicken. Das stimmt natürlich nicht – aber für jemanden mit einer geringen Frustrationstoleranz wie mich ist das Schöne an Walking Simulatoren, dass man sich nicht in ihren festfahren kann. Hat man einmal angefangen, sie zu spielen, hält einen höchstens die eigene Langeweile davon ab, das Spiel auch zu beenden. Aber ab und zu möchte ich auch ein bisschen gefordert werden, um umgekehrt auch das Gefühl zu bekommen, etwas geschafft zu haben. Puzzlespiele bieten sich da an, gerne auch kniffeliger – bloß, die meisten Puzzegames haben nur wenige hundert Megabyte, und die Festplatte ist voll, mal wieder, und da ich Spiele eigentlich nur dann deinstalliere, wenn ich sie durchgespielt habe. Also: Ich suche ein schaffbares Spiel, das meinen Kleinen Grauen Zellen schmeichelt und hinterher zehn Gigabyte Speicherplatz freischaufelt.

Im letzten Jahr bin ich auf diese Weise bei Pneuma – Breath of Life gelandet, dem philosophischen Rätselspiel mit dem geschwätzigen Gott, das ich, Schande über mich, nicht weitergespielt habe, nachdem einmal die Rezi online war.… Weiterlesen “The Turing Test”

bookmark_borderNevermind

Wenn es mir nur gruselte!

Zu den vernichtendsten Urteilen, die mein Vater über einen Künstler (insbesondere einen Autor) zu fällen pflegte, gehört ohne Zweifel der Satz »Er wollte wesentlich werden.« Vorzugsweise über jemanden aus der Unterhaltungsbranche, dem es nicht mehr ausreichte, zu unterhalten, und der daraufhin ein pseudophilosophisches Geschwurbel von sich gegeben hat. Das konnte zum Beispiel eine Folge der Krimiserie »Derrick« sein, aber auch Bücher, Comics, Musik, nichts war gefeit vor dem Todesurteil »wesentlich«. Nichts gegen Anspruch, aber auch nichts gegen einfache Unterhaltung: Das Problem ist »gewollt und nicht gekonnt«. Mein Vater, um Missverständnissen vorzubeugen, erfreut sich bester Gesundheit, wir haben nur zu lange kein Derrick mehr geschaut. Und ich stelle fest, das gilt auch für Computerspiele. So habe ich mich im vergangenen Jahr durch das völlig zerredete The Old City – Leviathan gearbeitet, das außer Küchenphilosophie und Postkartenmotiven nicht viel zu bieten hatte.

Aber The Old City – Leviathan wollte unterm Strich auch nicht mehr, als eine Geschichte erzählen. Nevermind hingegen, das ich gerade beendet habe, verspricht viel mehr. Es will nicht nur die Abgründe der menschlichen Seele erforschen, sondern dazu noch mich, den Spieler, dahingegend ausbilden, meine eignenen Ängste, Sorgen und Gefühle besser zu verstehen, auf Stressstituationen zu reagieren, und am Ende der vielleicht fünfstündigen Spielzeit wie ein neuer Mensch daraus hervorzugehen.… Weiterlesen “Nevermind”

bookmark_borderAutumn Dream

Me English nicht verstehen

Ich lerne seit einem halben Jahr Russisch. Das heißt, ich habe das erste Volkshochschulsemester hinter mir. Mit einem halben Jahr Russisch kommt man noch nicht weit, aber ich suche immer nach Möglichkeiten zum Üben, und ich hatte die großartige Idee, das mit Computerspielen zu tun. Schließlich kommen viele tolle – oder weniger tolle – Spiele aus Russland, Wimmelbildspiele zum Beispiel, und wenn ich die auf Steam dann so einstelle, dass ich sie im Original spielen kann, lerne ich meine Vokabald auf spielerische Weise. Zumindest in der Theorie. Ich habe es versucht mit dem Spiel Dance of Death, und es war ein Flop. Das Spiel ist so unglaublich schlecht, die einzige Sprachausgabe grammatikalisch falsches Englisch mit russischem Akzent, die grobkörnige Schrift nicht zu entziffern, die Graphik unattraktiv, dass ich den Versuch schnell wieder aufgegeben habe. Dafür konnte ich jetzt mit einem ganz anderen Spiel meine Fremdsprachenfähigkeit verbessern.

Autumn Dream nennt sich der Titel des Indie-Spieleentwicklers GDNomad, von dem auf eine ganze Reihe billigster Horrorspiele mit niederschmetternden Bewerungen zu finden sind. Ich habe alle, schließlich hat mich keine von ihnen mehr als 50 Cent gekostet, und für 50 Cent schreibe ich auch gern einen lustigen Verriss. Autumn Dream belegte schon seit längerem ein gutes Gigabyte auf meiner Festplatte, und weil die natürlich mal wieder viel zu klein ist und ich den Rezensionen entnommen habe, dass das Spiel in weniger als einer Stunde durch ist, klang das wie schnell verdienter Festplattenplatz.… Weiterlesen “Autumn Dream”