Trainslation

Ich versteh nur Bahnhof!

Ich träume von U-Bahnen. Seit vielen Jahren geht das so, angefangen hat es noch in meinem Studium: Immer wieder finde ich mich in meinen Träumen in U-Bahn-Stationen wieder oder in U-Bahn-Zügen, die dann auch mal vom Kölner Ebertplatz direkt nach Basel fahren. Es sind keine schlimmen Träume. Ich fahre gerne U-Bahn. Aber das Motiv taucht wirklich so häufig bei mir auf, dass ich sogar Traumdeutungsbücher zurate gezogen habe, um herauszufinden, was mir das Unterbewusstsein da sagen will. Entweder leide ich darunter, dass mein Leben in zu festen Bahnen (auf Schienen) verläuft und will daraus ausbrechen. Oder ich mag einfach U-Bahnen wirklich gern. Und ich glaube, es ist letzteres. Ich habe diese Träume immer noch, und über zu viele fixe Strukturen in meinem Leben muss ich mich als freiberufliche Autorin, die nie weiß, was die Zukunft bringt, nun echt nicht beschweren.

Jetzt lebe ich in einer Stadt, die keine U-Bahn hat, und die nächstgelegene Großstadt auch nicht, und nur zum U-Bahn-Fahren fahr ich jetzt nicht nach Köln, so groß ist diese Leidenschaft auch wieder nicht. Aber ich freue mich, wenn ich ihr in einem Computerspiel nachgehen kann. Ich habe mich schon an Metro versucht (und bin an dem Versuch gescheitert, das Spiel auf Russisch zu spielen, weil dafür mein Russisch einfach noch viel zu schlecht ist). Ich habe den obskuren Metro Trip Simulator durchgespielt (was schnell geht, weil das Spiel keine Handlung hat und man nach fünf Minuten alles gesehen hat, was es zu sehen gibt), ich besitze einen noch ungespielten Egoshooter mit Namen The Stalin Subway, und ich habe World of Subways 3 – London Circle Line immerhin auf meiner Wunschliste. Aber am nächsten an meine Träume heran kommt Trainslation, und nachdem mein »Welches Steam-Spiel soll ich spielen?«- Zufallsgenerator mir heute schon ein Dutzend Spiele ausgespuckt hat, die mich alle nicht ansprachen, habe ich mich mit Freude an dieses kleine Juwel gemacht.

Neblige U-Bahnstationen. Genau wie in meinen Träumen.

In Trainslation findet man sich in einer nur von Geistern bevölkerten U-Bahn-Station wieder. In der Hand hält man einen Zettel, auf dem etwas in einer fremden Sprache und Schrift steht, die man nicht versteht und auch nicht lesen kann (Sternchen). Die Beschriftungen in der Station sind in der gleichen Sprache gehalten, und die herumstehenden Geister können einem nicht wirklich groß weiterhelfen – sie verstehen diese Sprache auch nicht, sprechen aber immerhin unsere. Sie können mich immerhin darüber aufklären, dass ich auch ein Geist bin und offenbar frisch verstorben, und dass auf meinem Zettel der Name der Station steht, die ich erreichen muss. Einen Ausweg aus der Station gibt es nur per U-Bahn, Aufgänge nach oben gibt es keine, und so macht man sich auf die Suche nach dem unbekannten, unleserlichen Ziel.

Sternchen: Die Schrift ist Kyrillisch. Das kann ich inzwischen sogar ganz gut lesen. Und auch wenn einem mehrere der Geister erklären, dass die Sprache nicht Russisch ist, kann ich doch mit meinem Volkshochschulrussisch von immerhin vier Semestern genug lesen, um zu sagen, dass die Sprache mindestens eng verwandt mit dem Russischen ist. Ich kann die Beschriftungen lesen, und wenn da Линия steht, entziffere ich es als »Linija« und weiß, dass es Linie heißt, ich also folglich in eine andere Bahn umsteigen kann. Was ich auch tun muss, denn die Linie, die an meinem Startbahnhof hält, fährt mein Ziel nicht an. Das wäre auch zu einfach.

Hier geht es nicht nach Топене. Aber man kann ja umsteigen.

Das Spiel sieht vor, dass man mindestens zweimal umsteigen muss, um das Ziel zu erreichen. Es gibt Metropläne, aber nur an den Umsteigebahnhöfen, und auf denen stehen auch nur die Namen der großen Bahnhöfe, meiner nicht. Aber es gibt immer die Linienpläne unten am Bahnsteig, und auch des Kyrillischen nicht mächtige Spieler können mit Mustererkennung identifizieren, ob sie in der richtigen oder falschen Bahn sitzen. In der kyrillischen Schrift gibt es immerhin sechs Buchstaben, die auch in ihrer Bedeutung identisch mit dem lateinischen Alphabet sind, sowie diverse falsche Freunde, die aussehen wie C oder P oder spiegelverkehrte N und R. Das gibt genug Wiedererkennungswert, und ich bin den Entwicklern dankbar, dass sie sich eben nicht für Thai oder Hindi entschieden haben. Was durchaus zur Debatte stand.

Das Spiel ist schnell durchgespielt. Nach ca. 20 Minuten hatte ich mich mit diversen Geistern unterhalten, die zum Teil nicht viel zu sagen hatten, zum Teil wirklich nette Geschichten über ihr Ableben zu berichten, und einiges von ihnen war wirklich berührend, wie Penelope, die seit über 20 Jahren auf dem gleichen Bahnsteig steht, weil sie ihren verlorengegangen Mann, wenn der mal vorbeikommen sollte, nicht verpassen will. Sie trägt mir auf, ihn zu finden, aber das ist mir nicht gelungen, und ich weiß nicht einmal, ob das überhaupt möglich ist. Aber dann hatte ich mit genug Geistern gesprochen, genug Bahnstationen gesehen, war von der roten in die grüne Linie umgestiegen und hatte meine Zielstation erreicht – und da war nichts. Ein Geist, der mir genauso wenig weiterhelfen konnte wie alle anderen. Ich suchte Hilfe im Steam-Forum und erfuhr, dass da eigentlich ein pinker Geist stehen sollte, der dann das Ende einläutet, aber der war bei mir nicht da.

Manche Geister haben etwas zu sagen. Andere verlieren sich in Geschwafel.

Ohne das richtige Ende erreicht zu haben, konnte ich das Spiel auch nicht beenden, ich musste es über den Taskmanager abschießen, und dann wollte es nicht wieder starten, und ich stand schon kurz davor, eine frustrierte »Angespielt«-Rezension zu schreiben – aber ich wollte wirklich dieses Spiel durchspielen, denn nur, wenn man das schafft, wird das eigentliche Schmankerl freigeschaltet, ein mehr als halbstündiges Making-Off-Video der Entwickler, auf das ich doch sehr gespannt war. So startete ich erst den Rechner neu, dann das Spiel, und fand mich in einer neuen Station und mit neuem Zielzettel wieder, spielte noch mal zwanzig Minuten, wobei mir zugute kam, dass ich einige Stationen schon vom ersten Durchgang erkannte und wusste, dass ich in Dschoging umsteigen muss, um nach Lana zu komm, und da stand dann auch wirklich ein knatschpinker Geist, schneller zu sehen als das Stationsschild, und half meiner gequälten Seele, den Weg aus diesem U-Bahn-Labyrinth zu finden. Abspann.

Im Weitesten kann man Trainslation als Walking Simulator, oder U-Bahn-Fahr-Simulator bezeichnen, aber es fühlt sich mehr wie ein philosophisches Experiment an. Und das ist es letztlich auch: Es ist auf einem Game Jam entstanden, einer Convention für Spieleentwickler, die Teams bilden und versuchen, in nur drei Tagen ein möglichst fertiges Spiel auf die Beine zu stellen. Drei Tage, das ist nichts. Computerspiele sind Jahre, oft viele davon, in der Mache – in drei Tagen eines rauszuhauen, das ist härter, als wenn Autoren im Nanowrimo versuchen, in nur 30 Tagen des Novembers 50.000 Wörter zu schreiben. Selbst wenn man ein Team von fünf hat – das ist eine straffe Leistung. Und selbst wenn im Anschluss an den Game Jam noch mal zwei Wochen in die Nachbearbeitung gegangen sind, um die Anregungen der ersten Testspieler umzusetzen, ist das immer noch gewaltig wenig Zeit für ein Spiel, das immerhin 20 interessante Minuten beschert.

Die Züge sind karg ausgestattet und schlecht ausgelastet, aber dafür fahren sie auch alle 30 Sekunden.

Viele Designentscheidungen ergeben sich aus der knapp bemessenen Zeit. So sind alle Züge und Stationen mit dem Nebel der Schattenlande gefüllt, weil dann nicht auffällt, dass die Macher in der knappen Zeit nicht auch noch Texturen zustande gebracht haben. Das hat dann auch den Ausschlag dafür gegeben, dass die Mitreisenden alle Geister sind – sie schweben ein Stück über dem Boden und müssen nicht aufwendig animiert werden, um sich fortzubewegen. Überhaupt lernt man viel aus dem Making-Off-Video – zum Beispiel, dass es gar nicht so trivial ist, in einem Spiel eine U-Bahn zu animieren, in der man dann mitfahren kann und die eben nicht einfach so unter der Spielfigur wegfährt, weil man implementieren muss, dass die sich mit der Bahn mitbewegt. Die verwendete Sprache, auch das erfährt man im Video, ist übrigens Bulgarisch – mit Absicht gewählt diejenige Sprache, die das kyrillische Alphabet verwendet, aber dem Russischen am unähnlichsten ist, damit auch die nicht gerade kleine Gruppe russischsprachiger Spieler etwas zu Rätseln hat.

Trainslation gibt es kostenlos auf Steam, und ich empfehle es jedem, der etwas darüber erfahren will, wie ein Spiel entsteht. Das Video war lang, wirklich informativ, für Programmierlaien wie mich gut verständlich und sicher noch interessanter, wenn man schon etwas mehr Ahnung von der Materie hat. Wenn man außerdem ein Herz für U-Bahnen hat, um so besser. Natürlich kann man auch in zehn Minuten durch das Spiel rauschen, ohne mit den Geistern zu reden, aber dann verpasst man was, und es gibt auch ein Achievement dafür, wenn man gut zuhören kann, worüber ich mich gefreut habe. Es ist ein bisschen verbuggt – ich bin nicht die einzige Spielerin, der am Ende der entscheidende Schlussgeist fehlte – aber bei einem kostenlosen Spiel beschwere ich mich darüber nicht, und es bietet wirklich viel für die Zeit, die man investieren muss.

Das ist Bulgarisch. Es bedeutet »schmelzen«

Ich hatte ein etwas anderes Spiel erwartet – eines, bei dem man tatsächlich lernen muss, die fremden Zeichen zu verstehen und nicht nur wiederzuerkennen, bei dem man dann auch mit den Geistern in fremden Zungen reden muss. Es gibt ein paar Spiele, die damit arbeiten, so habe ich in Ultima Underworld lernen müssen, mit Echsenmenschen zu sprechen, und bin heute noch fließend darin (»Bica, yeshor-click!«). In No Man’s Sky trägt man auch nach und nach die Sprachen der drei Alien-Spezies zusammen. Aber das ist es nicht, was Trainslation will. Es geht mehr um das Gefühl, verloren zu sein, in der Fremde, ohne Ausweg – so war das Thema des Global Game Jams 2021, wo es entstanden ist, auch »Lost and Found«, und das haben die Devs dann auch wirklich gut umgesetzt. Plus, nach Herzenslust U-Bahn-Fahren und keinmal nach der Fahrkarte gefragt werden!

Das einzige, was mir die Zehennägel hochklappen lässt, ist die Schreibweise des Titels im Logo des Spiels: Da schreibt es sich nämlich Tяaiиslдtioп, und es tut mir leid, da kann ich nur »Tjaiisdtiop« lesen, das ist schlimmer als Singulaяity damals und tut mir in der Seele weh. Aber sonst? Sonst gibt es von mir eine ganz klare Spielempfehlung. Ist mal was anderes. Und hat durchaus Spaß gemacht. Ich könnte echt mal wieder nach Köln fahren, mit dem Neun-Euro-Ticket. Und dann – ab in die U-Bahn!

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